Stiftung LEBENSNERV,
FORUM PSYCHOSOMATIK 1/03


Fallbeispiel 2

Der 24jährige Herr H2 meldete sich nach einem Informationsabend mit seiner Mutter zur Teilnahme an der Gruppe 2 an. Insbesondere seine Mutter schien an dem Austausch mit anderen Familien sehr interessiert, ihm selbst war ein informativer Austausch unter gleich Betroffenen wichtig. Bereits hier entstand der Eindruck eines sehr engen, gespannten Verhältnisses zwischen einer fürsorglichen gesunden Mutter und ihrem, um Eigenständigkeit bemühten, körperlich behinderten Sohn. In den ersten Sitzungen erfuhr die Gruppe, dass die Diagnose MS bei Herrn H2 seit drei Jahren bekannt sei und er an einer schubförmigen Verlaufsform mit relativ heftigen und unvollständig remittierenden Schüben litt. Betroffen war vor allem sein Gehvermögen mit zunehmender Schwäche beider Beine und einer anhaltenden Koordinationsstörung der Arm- und Beinbewegungen. Vor seiner Erkrankung hatte er Leistungssport betrieben, inzwischen hatte er sämtliche sportliche Aktivitäten aufgeben müssen. Außerhalb seiner Wohnung war er mittlerweile auf einen Rollator angewiesen. Die Familie war neben der MS noch durch eine chronische Muskelkrankheit der 18jährigen Tochter belastet. Zur Lebenssituation wurde bekannt, dass die Mutter seit 10 Jahren allein erziehend ist. Die Ehe der Eltern war geschieden worden, nachdem die Tochter erkrankt war. Die Mutter war im Folgenden mit der Versorgung ihrer Kinder allein auf sich gestellt. In den ersten zwei Sitzungen wurde im Gespräch zwischen Mutter und Sohn deutlich, wie sie sich aus Besorgtheit heraus vielfach täglich nach dem Befinden ihres Sohnes erkundigte, worauf er jeweils zunehmend unwillig reagierte.

Auf der Metaebene beschrieb die Familie die Erkrankung als Weg durch völlig undurchdringliches Dickicht, in dem es schwer sei, die Orientierung zu gewinnen. Die Mutter bemühe sich, mit dem Buschmesser einen Weg frei zu schlagen, gefolgt von ihrer Tochter. Herr H2 beschrieb einen hohen Berg, den er gerne bezwingen wolle, woran er aber immer wieder scheitere. Er sehe sich gezwungen, sich dem von der Mutter vorgegebenen Weg anzuschließen, was ihm aber sehr schwer falle. Im Grunde würde er gerne seinen eigenen Weg suchen, käme aber nicht damit zurecht. Seitens der Therapeutinnen wurde die Familie aufgefordert, nach Lösungen zu suchen, die allen akzeptabel erschienen. Ein anderes Gruppenmitglied schlug vor, einen Tunnel durch den Berg zu graben. Wie viel und welche Unterstützung würde sich Herr H2 dabei wünschen?

In der nächsten Sitzung berichtete die Mutter, dass sie gemeinsam zu dem Entschluss gekommen seien, umzuziehen. Herr H2 benötige eine eigene ebenerdige Wohnung, die er mit einem Rollstuhl erreichen könne. Sie selber plane, mit ihrer Tochter in die Nähe zu ziehen. Ihr jetziges Haus werde sie verkaufen. Herr H2 erzählte von einer Wohnung, die er besichtigt habe, und von seinen Plänen für notwendige Umbaumaßnahmen. Er freue sich auf die anstehenden Veränderungen. Erkennbar war ein veränderter Kommunikationsstil zwischen Mutter und Sohn: sie hatte ihre Fragen nach seinem Befinden erheblich reduziert, was es ihm ermöglichte, Hilfe besser annehmen zu können.

Als in einer Sitzung das Thema "Familienmotto" im Mittelpunkt stand, formulierte Familie H2 für sich drei verschiedene Familienmottos:

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