| Stiftung LEBENSNERV, FORUM PSYCHOSOMATIK 1/03 |
In der bestehenden Situation der Familie waren diese Kernsätze hilfreich, um den Familienmitgliedern ihre bisherigen Leistungen im Ringen mit der chronischen Krankheit im Alltag aufzuzeigen und die eigene innere Kraft der Familie wertzuschätzen. Besonders der erste und der dritte Satz schienen geeignet, die durch zunehmende Behinderung erschwerte Selbständigkeit des Sohnes zu unterstützen. Deutlich wurde in weiteren Gesprächen auch, dass das zweite Motto einen sehr großen Druck auf alle Beteiligten ausübte und dass eine Veränderung zu einer Entlastung führen könnte. Insbesondere Herr H2, dessen phasenhaft auftretende Übellaunigkeit und Dickköpfigkeit von Mutter und Schwester beklagt wurden, musste seine Grenzen erkennen. So begann er, sich im Gespräch zunehmend mit seinen Zukunftsperspektiven zu befassen, da eine Berufstätigkeit in dem von ihm angestrebten Beruf immer utopischer erschien.
In der Stunde, in der die Familien Kollagen für die Vergangenheit und die Gegenwart gestalten sollten, stellte Familie H2 in der Vergangenheitskollage all die Tätigkeiten, die Herrn H2 nicht mehr möglich sind, wie zum Beispiel Sport oder Autofahren, in den Vordergrund. In der Gegenwarts-Kollage traten hingegen Bilder der aktuellen Familienkonstellation in den Mittelpunkt, die Qualitäten wie innere Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung vermittelten. Das Gegenwartsbild konnte als Ressource bei der Entwicklung neuer Zukunftsperspektiven genutzt werden.
Vor der letzten Sitzung forderten wir die Familien dazu auf, Symbole für die Erkrankung und ihren Stellenwert in der Familie zu suchen, die zukünftig als "Erinnerungsstücke" an die Multiple Sklerose dienen können. Diese Erinnerungsstücke sollen symbolhaft dafür stehen, dass die Familien einerseits den Anforderungen der Erkrankung gerecht werden, andererseits die Möglichkeit sehen sollten, die Krankheit an ihren Platz verweisen zu können.
Familie H2 brachte eine Schere und einen Schwamm mit: Die Schere sollte dafür stehen, dass die Krankheit vieles beschnitten habe. Gleichzeitig habe ihnen die MS bewusst gemacht, wie groß der Rückhalt in ihrer Familie sei, wodurch viel Schlimmes ausgeglichen - quasi aufgesogen - werden konnte. Daran sollte der Schwamm sie erinnern.
Ein auf gegenseitigen Austausch, Informationsvermittlung und Verfahren zur Entspannung und Stressbewältigung ausgerichtetes gruppentherapeutisches Konzept, wie in der vorliegenden Arbeit vorgestellt, scheint den Bedürfnissen von an MS erkrankten Menschen entgegenzukommen und das körperliche und seelische Befinden der Betroffenen günstig zu beeinflussen.
Mehrfamiliendiskussionsgruppen für MS-betroffene Familien stellen darüber hinaus eine gute Möglichkeit dar, die Familienmitglieder der Erkrankten einzubeziehen, um die Eigenkompetenz der Familien in Bezug auf den Umgang mit der Erkrankung, aber auch unabhängig von der Erkrankung zu fördern.
Bei beiden beschriebenen Gruppen blieb der Kontakt zwischen den Mitgliedern auch nach dem offiziellen Ende in Form von regelmäßigen Treffen weiter bestehen, was von den Beteiligten als große Bereicherung erfahren wurde.
Autorinnen und Kontaktadresse (auch für Literaturhinweise)
Dr. med. Susanne Altmeyer,
Oberärztin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin des Universitätsklinikums Aachen, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Fachärztin für Neurologie, Paar- und Familientherapeutin, Schwerpunkt Systemische Familienmedizin, Leiterin der Familienmedizinischen Sprechstunde.
Dr. med. Ulrike Tietze
,
Ambulanzärztin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärztin für Neurologie.
Kontaktadresse:
Dr. S. Altmeyer
Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin des Universitätsklinikums Aachen
Pauwelsstrasse 30
52074 Aachen
Tel: (02 41) 80 88 731
Fax: (02 41) 80 82 422
e-mail: saltmeyer@ukaachen.d
voriger Teil (5)
voriger Artikel ** nächster Artikel
Inhalt von FP 1/03 ** FP-Gesamtübersicht
Startseite